Eine 17 cm SK L / 40 Kanone im Atlantikwall

Lage der Anlagen und Bunker der ehemaligen Lehrbatterie "MKB Ehrhardt Schmidt " in Althagen (bei Ostseebad Wustrow auf dem Fischland):

Lage der Bunkeranlage 01 Lage der Bunkeranlage 02

Lage der Bunkeranlage 04

Um gleich zum Anfang mal völlig falschen Annahmen entgegen zu wirken. Gleich hinter Wustrow in Richtung Ahrenshoop, wo das Steilufer beginnt, gibt es viele befestigte Anlagen, welche teilweise bereits in die Ostsee abgerutscht sind. Das sind keine Bunker aus dem zweiten Weltkrieg, sondern Anlagen der 7. technischen Beobachtungskompanie Wustrow aus DDR-Zeiten. Meinen ausführlichen Bericht dazu findest Du hier. 

Das Gebiet mit den ehemaligen Bunkern aus dem Zweiten Weltkrieg kommt erst danach. Ein guter Wegweiser für den Beginn ist hier die Saisontreppe aus Metall, welche das Hohe Ufer hinab führt bzw. auch der Bakelberg. Das Gebiet endet mit dem Käthe-Miethe Weg in Althagen. 

Hinter den zu meiner Jugendzeit noch intakten Anlagen der 7. technischen Beobachtungskompanie der DDR in Richtung Ahrenshoop befanden sich im Ortsteil Althagen mehrere Bunkeranlagen aus dem Zweiten Weltkrieg. In diesem Bereich habe ich zu Jugendzeiten viel gespielt und fand natürlich auch die Bunker bzw. was davon übrig war, recht interessant. 

Dummerweise habe ich damals keine Fotos davon gemacht und auch Leute welche sich damit auskannten nicht eingehend darüber befragt. :-( 

Bereits vor der deutschen Wiedervereinigung sind zwei der alten Weltkriegsbunker vom Hohen Ufer abgestürzt. Die Reste, auch der noch landseitigen Bunker wurden vor nicht allzu langer Zeit beräumt. 

Es gibt dort leider also nicht mehr viel zum Anschauen.

Lage der Bunkeranlage 03

Ich habe mir mal die Mühe gemacht, die gesprengten Bunkerreste in eine ältere Google Luftaufnahme von 2007 einzutragen. Zu dieser Zeit waren die Bunker der Geschütze noch nicht beräumt. Man sieht noch ganz deutlich die gesprengten Anlagen.  

Bunkerlage 1991 Quelle geoportal mv

Bei diesem Foto aus dem Jahr 1991 sieht man die gesprengten Bunker sehr gut. Außerdem, dass auch das Wasser in den gesprengten Löchern steht. 

Geschichte der Bunkeranlagen (Wustrow / Altagen) aus dem zweiten Weltkrieg

Aber nun der Reihe nach:

So um 1935 wurde mit dem Bau der Bunkeranlage begonnen. Die Marinebatterie "MKB Ehrhardt Schmidt " bestand aus vier 17 cm Geschützen. Nach dem ersten Weltkrieg mussten aus zahlreichen deutschen  Kriegsschiffen (z.B. Braunschweig und Deutschland Klasse) Geschütze ausgebaut werden. Aus diesem Grunde gab es reichlich Geschütze zum Aufbau solcher Küstenbatterien. Diese hatten eine Reichweite von etwa 24 km. Zweck war die Überwachung der Kadetrinne, der Schutz einer ausgelegten Sperre für U-Boote, sowie diente sie zu Ausbildungszwecken.

Die Küstenbatterie soll mit zwei unterschiedlichen Geschütztypen ausgerüstet worden sein: 3 x 17 cm S.K.L/40 in Drh.L.C/01 ( Turmgeschütze in Einzellafetten) und 1 x 17 cm S.K.L/40 in M.P.L.C/02.04 (offenes Kasemattgeschütz mit dünnen Splitterschutz).

Zudem stand etwas weiter vorne zur Ostsee hin ein Leitstand mit einem 6m Entfernungsmessgerät.  

Je 126 Granaten waren pro Geschütz im Munitionsbunker am Bakelberg gelagert. 

Zum Anfang gab es zusätzlich nur eine 3,7 cm Flak. Diese wurde später um vier weitere 10,5 cm Flak ergänzt, da bei durchgeführten Übungsschießen mit den 17 cm Geschützen auf rückwärtige Landziele die Häuser in Althagen stark in Mitleidenschaft gezogen wurden. Mit den vier 10,5 cm Flaks wollte man die Ausbildung (Beschuss auf Landziele) sicherstellen. Später wurden die Flaks in die Verteidigung des Luftraums mit eingbezogen. 

Ende des zweiten Weltkrieges bestand sie aus den folgenden Geschützen und Anlagen:

  • 3 x 17 cm S.K.L/40 in Drh.L.C/01
  • 4 x 10,5 cm FLAK
  • 1 x 3,7 cm FLAK
  • 1 x FM-Anlage Typ Würzburg Riese
  • 2 x Scheinwerfer
  • 1 x Feuerleitbunker
  • 1 x Dieselgeneratorenstation
  • 1 x Munitionsdepot
  • Gebäudekomplex zur Unterbringung des Personals

Das Kasemattgeschütz wurde im 1944 abgebaut und sollte die Westfront verstärken. Es wurde jedoch bei einem Luftangriff auf dem Weg dorthin zerstört. 

Als FM-Anlage wurde im Sommer 1944 zur Verbesserung der Seeraumüberwachung eine FuMo (Funk-Mess-Ortungsgerät), die FuMO 214 Würzburg-Riese installiert. Aber auch ein Wärmepeilgerät soll es dort gegeben haben. 

Würzburg Riese in Dänemark

Auf dem Bild ist eine FuMo vom Typ Würzburg-Riese (Seeriese) in Dänemark zu sehen. 

Bildquelle: Wikipedia

Meine Mutter kann sich noch gut erinnern, dass es recht laut war, wenn die Flak schoss und alle im Ort beruhigt waren und sagten, "Gott sei dank, unsere Flak schießt, da kann uns ja nichts passieren". Mein Ausbilder im Ostseeschmuck fürs technische Zeichnen hat mit erzählt, dass die Flak nicht hoch genug schoss und die Bomber einfach oben drüber folgen. Erst die Flak-Stellungen vor Berlin hatten eine entsprechende Höhe. Ich persönlich finde eine 10,5 cm Flak war schon recht groß und und sie hatte eine maximale Schusshöhe von ca. 12.800 Metern. Allerdings gab es dann noch die 12,8 cm Flak, welche tatsächlich vor Berlin in Stellung waren. Diese hatten eine maximale Schusshöhe von 14.800 Metern. Wie hoch nun wirklich die alliierten Bomber flogen, weiß ich nicht. 

Bundesarchiv Bild 101I 621 2942 17, Schwere 10,5 cm Flak einer Küstenbatterie

10,5 cm Flak, davon gab es vier Stück

Fotoquelle: Wikipedia

 443px 3,7 cm FlaK 39 sida

3,7 cm Flak - davon gab es eine

Fotoquelle: Wikipedia

Kurz vor Beendigung des Krieges rückte die 65. sowjetische Armee in Richtung Ribnitz-Damgarten und dann weiter nach Wustrow vor. Dort kannte man die Gefahr, welche von der Geschützstellung ausging. General Batow  aus seitens der sowjetischen Armee hatte daher bereits mehrere 22 cm Geschütze am Saaler Bodden bereit gesellt. Man kann sich gut ausdenken, welche Zerstörungskraft von diesen Ausging und das Wustrow, Althagen, Niehagen  und Ahrenshoop bestimmt sehr in Mitleidenschaft gezogen worden wären, hätten diese Geschütze jemals das Feuer eröffnet. 

Es ist nur der Besonnenheit des damaligen NSDAP- Ortsgruppenleiters zu verdanken, den erhaltenen Befehl: "Beim Erscheinen der Russen bis zur letzten Granate schießen" am 2. Mai 1945 umgewandelt zu haben in "Es wird nicht geschossen, alle Kriegsgeräte (Geschütze und Munition) sind vor Mitternacht zu sprengen". 

Es wurden überall Sprengladungen angebracht, welche aber nicht sofort gesprengt werden konnten, weil ständig fliehende SS-Einheiten vorbeikamen. Diese sind später dann von Wustrow aus geflohen. Da diese aber sehr fanatisiert waren, musste man sehr aufpassen, dass man von diesen nicht erschossen wurde, wenn man "nicht bis zu letzten Atemzug" kämpfte. Ironie: Für sie selber schien diese Regel nicht zu gelten. Zum Ende des Krieges standen zig Nobelkarossen, vollgepackt mit edlen Spirituosen und Nahrung am Strand von Wustrow. 

Die Geschützstellungen wurden am 2. Mai 1945 gegen Mitternacht von der eigenen Besatzung gesprengt. Am 3. Mai wurde die Sprengung von einem Vorauskommando der Sowjets kontrolliert und für in Ordnung befunden. 

Nach dem Krieg mussten die Kinder von Alt- und Niehagen nach Wustrow zur Schule. Fast alle haben mit herumliegender Munition gespielt, so dass es viele Unglücksfälle gab. Vor allem mit Granaten. Gekümmert hat sich kaum jemand darum, womit die Kinder damals so spielten. Beliebt war es die Nitrozellulosestangen anzuzünden. Dies sind die Treibladungen der Geschosse. Sie sorgen dafür, dass das Geschoss mit der richtigen Geschwindigkeit das Mündungsrohr verlässt. Diese wiederum befinden sich in Granatkartuschen, welche meist aus Messing sind. Da gab es kleine Pulverstangen  mit ca. 0,5 cm Durchmesser und große mit ca. 2 cm Durchmesser. Die kleinen wurden in die großen gesteckt und dann angezündet. Diese sausten dann laut zischend die Straße hinunter. Oft wurden sie auch in Rohre gesteckt und angezündet, man hatte dann eine Art Flammenwerfer. Um an die Pulverstangen zu kommen, musste man oftmals das Geschoss von der Kartusche lösen. Zum Feuer anmachen im Ofen wurden die kleinen ebenfalls verwendet. 

Ich selbst habe noch Ende der 70 ziger / Anfang der 80er Jahre die kleinen Stangen bzw. Bruchstücke am Hohen Ufer gefunden. Diese haben eine schwarze oder graue Farbe. Es hat Spaß gemacht diese in Alufolie einzuwickeln, anzuzünden und dann nach einiger Zeit darauf treten. Es zischt und es kommt dann eine große weiße stinkende Nebelwolke daraus. Heutzutage wäre da wohl gleich der Munitionsbergungsdienst alarmiert worden.

Normalerweise brennen die Pulverstangen langsam ab und sind dadurch nicht so gefährlich. Bei einem Geschoss ist es aber wichtig, dass die Treibladung mit einem Schlag abbrennt. Daher gibt es zusätzlich in den Kartuschen einen Initalzünder, welcher dafür sorgt, dass die Treibladung insgesamt zündet. 

Später ist der Leitstand zusammen mit Abbrüchen am Hohen Ufer herab gestürzt. Einige Zeit nach der Wiedervereinigung hat man die Reste aller Bunker beseitigt.Lediglich der Munitionsbunker ist noch übrig, jedoch völlig zugewachsen.   

Quellenverzeichnis:

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